Antibes: Kulturmagnet am Mittelmeer

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Eine der ältesten Städte an der Côte d’Azur ist Antibes
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Hier sieht man u.a. riesige Buchstabenkörper und einen Milliardärshafen.

Eine fragile Silhouette zeichnet sich im Dunst der warmen Côte d’Azur-Luft meterweit ab. Ein fragender Blick: Was ist das, was da auf der Bastion am Hafen von Antibes steht? Bei näherem Hinsehen erkennt man einen Buchstabensalat, aufgebäumt zum stahlharten Körper, in dem Kinder spielen, Platz nehmen, mit ihren glänzenden Augen durchblicken; manche versuchen, aus den weißen Lettern etwas herauszulesen, bilden Wortketten, Neologismen. „Le Nomade“ heißt die acht Meter hohe Skulptur des katalanischen Bildhauers Jaume Plensa, die magnetisch anzieht, ohne dabei selbst zu polarisieren. Denn der Künstler möchte Interaktion – zwischen seinem modernen Kunstwerk, der historischen Stadt und den Akteuren, sprich Touristen, Einwohnern, Kunstkennern. 2010 wurde die Figur vom Musée Picasso, das gerade mal fünf Gehminuten vom Port Vauban entfernt liegt, an dieser erhöhten „Einsichtstelle“ des Bastion-Mauerwerks platziert. Mehr zu gucken gibt es nur, wenn man durch die Bullaugen der Bastionsmauer linst: sonnenhungrige Touristen rekeln sich dort am Plage du Port.

Ein verwässertes Bild! Denn eigentlich besitzt Antibes im Vergleich zu den Nachbarorten nur wenige natürliche Badestrände. Und auch zwischen seinen großen „Schwestern“ Nizza (20 Kilometer entfernt) und Cannes (13 Kilometer entfernt) wirkt die 74.000-Einwohner-Stadt zunächst wie ein kurzer Fotostopp, der eben praktisch an der „Autoroute huit“ liegt. Doch Antibes ist vor allem eine der ältesten Städte an der Côte d’Azur (um 340 v. Chr. gegründet), die architektonisch viel zu erzählen hat.

So blickt man neben dem Hafen auf eine Festung, die auf einem Hügel thront. Jenes sternenförmige Fort Carré wurde 1553 auf Anordnung des französischen Königs Henri II. erbaut, um Stadt und Hafen zu verteidigen. Später wurde es vom Stadtplaner Marquis de Vauban aufgebessert und erweitert. Und heute bietet ein Rundgang vor allem eins: Einen Panorama-Blick auf den brummenden Hafen, in dem protzige Jachten en masse liegen, weshalb er auch „Milliardärshafen“ genannt wird, sowie eine vergleichsweise putzige Altstadt und das azurblaue Meer.

Bei diesem Ausblick ist selbst der Blick ins Innere des Fort, wo Gitterstäbe ranken, nicht bedrückend, obwohl das Bauwerk zeitweise als Gefängnis fungierte. Der prominenteste Häftling: Napoleon Bonaparte. Nach 300 Tagen Verbannung auf der Insel Elba, landete der einstige Herrscher am 1. März 1815 in Antibes und wollte die Zitadelle einnehmen. „Der Festungskommandant ließ sich jedoch nicht überrumpeln und setzte Napoleon mitsamt seinem Stoßtrupp für einige Tage gefangen“, ist an der Infotafel zu lesen. Eine Säule am Place Nationale soll an die ungemütliche Landung von Napoleon erinnern.

Auch der Name Grimaldi ist mit der „Stadt gegenüber“, wie der Ort Antibes einst von den Griechen genannt wurde, fest verwurzelt. Das Adelsgeschlecht, das ursprünglich aus Genua stammt und heute das Fürstentum Monaco regiert, ließ im 12. Jahrhundert direkt am Golf von Nizza eine majestätische Burg erbauen. Heute beherbergt das Château Grimaldi vor allem Kunst – von Picasso. Der hatte hier im Jahr 1946 mehrere Monate ein Atelier, malte und zeichnete, verwendete Materialien wie Bootslack, Segeltuch, Sperrholz. Der Materialmangel nach Kriegsende machte erfinderisch. Picasso schuf zum Beispiel das Werk „Nächtliches Fischen in Antibes“ sowie etliche weitere Bilder, die heute im Musée Picasso, dem ehemaligen Grimaldi-Gemäuer, ausgestellt sind. Die Kunst wohnt aber nicht nur in einem der sechs Museen der Alpenfuß-Stadt oder wacht in Plensas Guss überlebensgroß auf den historischen Mauern. Auch zwischendrin, in den kleinen verwinkelten Gässchen, den provenzalischen „ruelle“, findet sich „Die Vermittlerin des Unaussprechlichen“, wie Goethe einst über Kunst schrieb, – von teueren Galerien bis zum Straßenkünstler, der auch gerne Touristen mit einem Klecks französischem Humor karikiert.

Touristischer ist es nur in Juan-les-Pins, einem künstlich angelegten Seebad, das direkt an Antibes grenzt und mittlerweile eingemeindet ist. Der mondäne Kurort wurde 1925 als Vorort von Antibes am südlichen Beginn der Halbinsel errichtet und war schon bald das Ziel erholungssuchender Touristen. Luxushotels und Privatvillen machten Juan-les-Pins zu einem ganzjährig besuchten – und teuren – Badeort. Besonders amerikanische Künstler und Geschäftsleute verbrachten hier eine „Zeit von Nichtstun und tausend Partys“, wie sie der amerikanische Schriftsteller F. Scott Fitzgerald beschrieben hat. Marlene Dietrich, Gary Cooper, Josephine Baker oder Coco Chanel gehörten zu den prominenten Gästen. Heute lockt vor allem das Jazz à Juan, ein immer im Juli stattfindendes Festival. Musikliebhaber mit großem oder kleinem Geldbeutel kommen dafür extra angereist.

Bildende Kunst und Musikkultur ziehen sich durch ganz Antibes, weshalb die ursprüngliche griechische Namensgebung „Antipolis“ alias „Stadt gegenüber“ obsolet klingt. „Welches Gegenüber?“, fragt man sich. Antibes ist doch mehr wert als ein kurzer Fotostopp zwischen Nizza und Cannes.